Interview mit Martin Hyun (Gründer von Hockey is Diversity)

Martin (Jong-Bum) Hyun war der erste koreanisch-stämmige Eishockeyprofi in der Deutschen Eishockey Liga (DEL). Er spielte in der Saison 2004/2005 38 Mal für die Krefeld Pinguine im Deutschen Eishockeyoberhaus bevor er seine Eishockeykarriere frühzeitig beendete und anschliessend im Bereich der Politik und als Buchautor arbeitete.

Der promovierte Politikwissenschaftler studierte an der University of Kent at Canterbury (GB) und am St. Michaels College im US-Bundesstaat Vermont. Horst Köhler ehrte Martin Hyun für sein Engagement in der Völkerverständigung zwischen Deutschland und Korea am 11. April 2005 mit der Einladung zu einem Staatsbankett anlässlich des Staatsbesuches von Südkoreas Präsidenten Roh Moo-Hyun ins Schloss Charlottenburg.

Martin Hyun arbeitete ein Jahr unter dem ehemaligen Minister für Gesundheit und Soziales Dr. Kim Chong im koreanischen Parlament und im Deutschen Budnestag. Im September 2008 veröffentliche Martin Hyun sein erstes Buch mit dem Titel "Lautlos-Ja-Sprachlos-Nein: Grenzgänger zwischen Deutschland und Korea". Es sollten noch weitere Bücher folgen.

Im Jahr 2010 gründete Hyun die Initiative "HOCKEY IS DIVERSITY", ein Bund von aktuellen und ehemaligen deutschen Eishockeyspielern mit Migrationshintergrund. Die Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, das Thema Integration über die sportlichen Grenzen hinaus an die Gesellschaft heranzutragen. Zudem engagiert sich Hyun als Pate für die Kampagne "Schule ohne Rassismus".





Wir haben uns mit Martin Hyun zu einem Interview getroffen.



1. Frage:  Wie bist Du überhaupt zum Eishockey gekommen ?

Martin Hyun: Meine ältere Schwester Julia war damals  passionierte Eiskunstläuferin. Ich musste dann oft mit um sie nachdem Training abzuholen. Damals träumte ich davon Fußballtorwart zu werden. Doch mein Vater hatte andere Pläne. Irgendwann ging ein Eishockeytrainer, wie sich später herausstellte auf meinen Vater zu. Ich beobachtete wie der eigenartige Trainer  immer nahezu lustige und komische Bewegungen mit seinen Händen machte. Er sprach kaum ein Wort. Mein Vater hat trotz der vielen Jahre in Deutschland versäumt die deutsche Sprache fliessend zu sprechen und zu verstehen. Es ging zu wie bei den Indianern. Mein Vater nickte daraufhin. Dann fuhren wir mit dem Auto in ein Sportgeschäft wo mein Vater mir Schlittschuhe kaufte. Ich war begeistert, dachte an ein Geschenk. Doch für meinen Vater war das vermeintliche Geschenk ein „Vertrag“ und Verpflichtung zum Eishockey. Das ist die Geschichte.


2. Frage:  Du warst über 5 Jahre in Amerika. Was kannst Du uns über diesen Lebensabschnitt berichten. Neben Deiner herausragenden Ausbildung hast Du auch Eishockey gespielt.

Martin Hyun: Ausschlaggebend hierfür war meine persönliche Erlangung der Freiheit. In einem koreanischen Haushalt aufzuwachsen bedeutet oftmals Einschränkungen in seiner Reisefreiheit in Kauf zu nehmen. Koreanische Eltern legen viel Wert auf die schulische Bildung ihrer Kinder und erziehen sie deshalb sehr spartanisch. Das ist auch einer der Gründe warum die Asiaten so gut in Kampfsportarten sind – nicht weil man sich damit selbst verteidigen kann, sondern um ihre Kinder zu schulischen Höchstleistungen zu motivieren. Aber Scherz beiseite. Die Kombination Studium und Sport war ausschlaggebend, die in keinem anderen Land so gut zu vereinen sind. Mir war es sehr wichtig, dass ich mich nicht nur sportlich sondern auch im Geiste weiterentwickele. Es war eine aufregende und lehrreiche Zeit, in der ich viel über den Sport, aber auch für das Leben gelernt habe.


3. Frage: Nach dem USA Aufenthalt und Deiner Ausbildung bist Du der erste koreanische DEL Spieler geworden und hast aber nur ein Jahr in der Profiliga gespielt. Warum ging Deine Eishockeykarriere nicht weiter ?

Martin Hyun: Mir war es wichtig das in meiner sportlichen Vita Krefeld als erste und letzte Station in meiner Karriere drinsteht. Das habe ich erreicht.  Für Außenstehende vielleicht nicht nachvollziehbar. Aber wer in Krefeld aufwächst und mit seiner Eishockeytradition groß wird, kann das gut verstehen. Von vornherein wusste ich dass der Weg des Sportlers nicht mein Weg ist. Deshalb habe ich einen schnellen Schlussstrich gezogen, meine Doktorarbeit angefangen und versucht beruflich Fuss zu fassen, fernab vom Eissport.


4. Frage:  Dein weiterer Lebenslauf liest sich sehr gut (Koreanisches Parlament, Bundestag, Buchautor). Was sind Deine persönlichen beruflichen Ziele ?

Martin Hyun: Erfolg im Beruf bedeutet mir nicht viel. Viel wichtiger ist mir das ich für meine Eltern sorgen und eine harmonische Beziehung mit meiner Freundin führen kann.


5. Frage:  Seit 2010 hast Du zusammen mit Peter Goldbach die Initiative Hockey is Diversity gegründet. Welche Aufgabe und vor allem welche Ziele habt Ihr mit dieser Initiative ?

Martin Hyun: Wir wollen mit der Initiative darauf aufmerksam machen, dass unsere Gesellschaft immer bunter, multikultureller und vielfältiger wird und das wir trotz aller vermeintlichen Unterschiede – eine Gesellschaft sind. Wir wollen die berühmte Mauer in den Köpfen einreißen. Trotz der Internationalisierung durch die Globalisierung glauben wir, dass die Menschen weniger bereit sind diese rapiden gesellschaftlichen Veränderungen zu akzeptieren, ja sogar Überfremdungsängste haben. Die rechtsextremistischen Terrorakte von dem Zwickauer Trio sind trauriger Beweis dafür. Im Eishockey ist die Multikulturalität einer Mannschaft gesellschaftlich akzeptiert und normal, doch im realen Leben leider noch nicht. Wir möchten dazu beitragen, dass sich das ändert. Dazu brauchen wir die Unterstützung aller Eishockeyfans, die mit uns für diese „eine Gesellschaft“ wirbt. Es gibt ein Zitat von Martin Luther King, den ich sehr bewundere und in dem Leitgedanken wir von Hockey is DIversity stehen. Er sagte: Tatsächlich ist alles im Leben miteinander verbunden. Alle Menschen sind in ein Netz der Gegenseitigkeit verwoben. Was den einen unmittelbar betrifft, betrifft den anderen mittelbar. Ich kann niemals so sein, wie ich eigentlich sein sollte, wenn du nicht bist, wie du sein solltest. Und umgekehrt ist es nicht anders. Das ist die eng verstrickte Wirklichkeit unseres Lebens“. Auch wenn diese Worte sehr idealistisch klingen, so entspricht sie der Wahrheit auch im 21. Jahrhundert.



6. Frage:  Du hast bislang schon Bekanntschaft mit sehr vielen prominenten Persönlichkeiten gemacht. Gibt es jemanden, den Du ganz gerne zu einem Gespräch noch treffen möchtest ?

Martin Hyun: Jeder Mensch ist in irgendeiner Hinsicht eine prominente Persönlichkeit. Ich würde gerne Menschen treffen, unabhängig davon ob sie bekannt sind oder nicht, die aber ein genuines Interesse haben für diese „eine Gesellschaft“ zu werben. Es gibt ein koreanisches Sprichwort das sagt „Viele kleine Flüsse bilden einen großen Strom!“ Dafür brauchen wir jeden Menschen, der sich konstruktiv einbringt.

Wir möchten uns bei Dir für dieses Interview recht herzlich bedanken und wünschen Dir und Deiner Familie alles Gute, viel Gesundheit und Lebensfreude.





Literatur von Martin Hyun


  • Lautlos-Ja Sprachlos-Nein: Grenzgänger zwischen Deutschland und Korea. EB-Verlag, Hamburg 2008, ISBN 978-3-936912-84-5
  • Ohne Fleiss kein Reis: Wie ich ein guter Deutscher wurde. btb-Verlag (Random House), München 2012, ISBN 3-442-75343-0
  • Aufgeben ist nicht mein Weg: Bildungswelten in der Einwanderungsgesellschaft. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2008, ISBN 978-3-89204-982-1. (mit einem Beitrag von Martin Hyun)
  • Karsten Krampitz, Heiko Werning (Hrsg.): Heimat, Heimweh, Heimsuchung. Kramer, Berlin 2010, ISBN 978-3-87956-338-8. (mit einem Beitrag von Martin Hyun)
  • Oppong, Marvin (Hrsg.): Migranten in der deutschen Politik VS-Verlag, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-531170-57-2. (mit einem Beitrag von Martin Hyun)


 

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