Interview mit Stefan Tillert (Crocodiles Hamburg)

Freese stefan tillert interview 2

 

(Oberliga/Hamburg) (Karsten Freese) Als Christoph Schubert im vergangenen Jahr bei der Crocodiles unterschrieb, trat er einen Schritt zur Seite und tauschte sein C gegen ein A. Er ist der jüngste 41-jährige der Liga und von den Fans wird er humorvoll als „der Erwachsene“ im Hamburger Team bezeichnet. Mit Eishockey-Online sprach Stefan Tillert über seine erneute Vertragsverlängerung, die Zukunft und übers Aufhören – von Anderen.

 

 

Eishockey-Online: Ich erinnere mich wie du im letzten Jahr zu mir gesagt hast „ein Jahr mache ich noch“. Nun hast du erneut um ein weiteres Jahr bei den Crocodiles verlängert was ich persönlich großartig finde. Für das Team bist du ein wichtiger Faktor – ich will aber auch ganz ehrlich sein: Ein bisschen überrascht bin ich dennoch. Was hat dich zu diesem Schritt bewogen? Die aktuelle Entwicklung der Mannschaft, der Hype?

 

Stefan Tillert: Hm, ja, der Hype…. Zum Teil sicherlich. Du kommst immer wieder an den Punkt, wo du dir die Frage stellst „Ok, was ist nun? Wollen wir den Nagel jetzt in die Wand hauen und aufhören?“ Aber was kommt dann? Ich hab‘ Angst davor das ich in 5 Jahren mal bei einem Spiel sitze und denke „Mensch aber eigentlich - du hättest ja noch ein bisschen weitermachen können“. Der Ruhestand kommt ja eh von selbst und früh genug aber solange die Knochen das irgendwie mitmachen…

 

Es gibt viele Spieler, die den Zenit überschritten haben. Bei denen man sagt „die hätten mal aufhören sollen“. Es gibt sehr populäre Beispiele von Sportlern die ihr eigenes Denkmal wieder abreißen, weil sie ein Comeback starten welches dann scheitert. Ich hab‘ mir gedacht, wenn ich wirklich mal aufhöre, dann höre ich auch auf und komme nicht in ein oder zwei Jahren zurück. Da gibt es so viele die dann wieder den Rücktritt vom Rücktritt verkünden. Es macht einfach viel zu viel Spaß, ein Teil von dem Ganzen hier zu sein. Der Hype spielt da nur eine untergeordnete Rolle aber natürlich lässt er sich nicht wegdiskutieren.

 

 

 

Eishockey-Online: Hype ist nicht negativ gemeint. Damit meine ich eher die Eigendynamik die das Ganze bekommen hat. Die Mischung von unterschiedlichsten Charakteren im Team. Das Lernen voneinander - sowohl Jung von Alt als auch umgekehrt. Nicht die Zuschauer, das ganze Drumherum, sondern die Mannschaft und wie sie sich entwickelt hat.

 

Stefan Tillert: Das ist für mich so ziemlich das Grandioseste was im letzten Jahr passiert ist. Die ersten fünf oder sechs Spiele sind wir aufs Eis gegangen und mussten uns erst einmal selbst finden. Wie spielt dieser Spieler, wie ist jener drauf usw. – rückblickend zieht sich das wie ein roter Faden durch die ganze Saison. Was da zusammengewachsen ist, das ist wirklich irre und man bekommt Lust auf mehr. Man muss natürlich abwarten was wir in den kommenden ein oder zwei Jahren an Zu- und Abgängen haben werden aber die Basis bzw. das Grundgerüst steht sehr gut. Das ist keine Retorte oder etwas das man auf die Schnelle zusammengewürfelt hat, kein ad hoc Erfolg. Hier hat man mit Sinn und Verstand gearbeitet und genau das ist das Tolle daran.

 

 

 

Eishockey-Online: Wir haben ja jetzt gehört, das fünf Spieler den Verein auf jeden Fall verlassen werden. Neue Spieler werden zu diesem „eingeschworenen Haufen“ stoßen. Das könnte unter Umständen nicht ganz einfach werden für die Neuzugänge.

 

Stefan Tillert: Alles was hier aktuell passiert basiert ja auf Schubys Entscheidung. Allein, sich für die Oberliga an sich zu entscheiden, davor ziehe ich meinen Hut vor ihm. Das hätte für ihn auch gründlich in die Hose gehen können. Jetzt stell‘ dir mal vor, er hätte sich hier nicht zurechtgefunden. Der Erfolg wäre ausgeblieben oder er hätte sich hier nicht wohlgefühlt. Die Öffentlichkeit hätte ihn zerrissen. Deswegen freut es mich persönlich für ihn und ich bin ihm extrem dankbar, dass er uns auf diese Reise mitgenommen hat.

 

Wenn jetzt neue zu unserem Konzept stoßen dann sind wir inzwischen alle Profi genug um diese Leute zu integrieren. Es geht nicht darum, das mir ein neuer Spieler meinen Platz wegnimmt, sondern das er das Team verstärken will. Ich glaube, so musst du das sehen. Der arbeitet mit daran, dass wir erfolgreich und auch langfristig erfolgreich sein werden. Wenn wir noch einmal auf die abgelaufene Saison blicken – das war schon sehr Erste-Reihe-lastig. Auf eine Art war das natürlich in Ordnung, weil wir damit sehr weit gekommen sind aber man muss auch ehrlich zu sich selbst sein, gerade ich schließe mich da nicht aus. Ist natürlich auch ein bisschen dem Alter geschuldet aber, wenn ich speziell an die letzten Spiele gegen Tilburg denke, die Overtime und so…

 

Ohne Witz, nach den Spielen trinkt man gern mit den anderen mal ein Bier auf der Rückfahrt im Bus aber da habe ich gar nichts mehr gemacht. Es ging einfach nicht. Da hätte man nach einem halben Bier wahrscheinlich schon fast 2 Promille gehabt. Es zehrt unheimlich an den Kräften und man muss sehen, dass mehr aus der zweiten und dritten Reihe kommt, das sie vielleicht sogar Über- und Unterzahlfunktionen übernehmen können. Dann könnten wir über 60 Minuten ein ganz anderes Tempo gehen. Alles andere kommt dann meines Erachtens von selbst.

 

 




Freese stefan tillert interview 1

 

Eishockey-Online: Wie sieht Dein persönliches Ziel für die nächste Saison aus? Prinzipiell seid ihr auf dem fünften Platz die erste „echte“ Oberligamannschaft. Tilburg hat ohnehin eine Sonderrolle und Essen, Duisburg und Herne sind, streng betrachtet, eher DEL2 Teams ohne Lizenz aktuell.

 

Stefan Tillert: Eine spannende Sichtweise aber, wenn man einen Moment darüber nachdenkt dann ist das ziemlich realistisch betrachtet.

 

 

 

Eishockey-Online: Der Überraschungsfaktor ist weg. Ihr seid nicht mehr die Jäger, in Zukunft werdet ihr gejagt werden.

 

Stefan Tillert: Es wird definitiv schwer werden, sogar verdammt schwer. Die anderen Teams in der Liga rüsten ebenfalls auf. Christoph Schubert hat das mal sehr deutlich auf den Punkt gebracht als er sagte „die Oberliga wird in Zukunft teilweise schon auf DEL 2 Niveau spielen“. Ich finde das hat man zum Teil schon in dieser Saison gesehen. Wenn man sich Zusammenschnitte von den Spielen anschaut, Wahnsinn was da teilweise für Spielzüge gespielt werden und wie schnell das alles geworden ist. Das ist schön und sehenswert, da kann ich aus Erfahrung sprechen.

 

Wir hatten bislang die Außenseiterrolle und wir wollten nicht in die Abstiegsrunde kommen. Wir sind über uns hinausgewachsen und weitergekommen als man sich das vorgestellt hat. Jetzt gilt es, das alles zu verteidigen, diesen Erfolg mindestens zu wiederholen. Deswegen müssen wir ja auch so dringend beim Kader mehr in die Breite und auch in die Tiefe gehen.

 

Unsere Erste Reihe ist natürlich schon der Hammer. Überleg‘ mal, das sind fast 300 Punkte die da herumfahren aber dafür waren wir auch fast 70% der Zeit auf dem Eis. Umso mehr freut es mich, wenn andere Spieler mit der Zeit mehr aus sich herauskommen. Nehmen wir den Thomas Zuravlev als Beispiel – der schießt immer mehr Tore, der Junge ist so klasse. So einer ist Gold wert. Sowas ist verdammt schwer, wenn du in der zweiten oder dritten Reihe bist. Was willst du machen, wenn du links und rechts nicht die Leute hast die du vielleicht brauchst und damit will ich um Himmels Willen niemanden schmälern. Eishockey ist für mich zu 90% Psychologie. Wenn du das Vertrauen vom Trainer nicht so wirklich bekommst dann kannst du noch so gut sein – du bist unzufrieden und es macht dich unsicher. Bestes Beispiel ist Moritz Israel. In der ersten Reihe hat er mächtig Punkte gemacht aber da darf man dann keinen Höhenflug kriegen. In den hinteren Reihen machst du bei gleicher Leistung nicht solche Zahlen und leider ist es durch seine Verletzung dann auch so gekommen.

 

 

 

Eishockey-Online: Wenn ich euch beim Spiel beobachte, dann sehe ich Schuby und Dich sozusagen an zwei Fronten kämpfen. Natürlich auf dem Eis aber häufig auch auf der Bank. Ihr dirigiert, erklärt, manchmal wird es auch ziemlich laut. Bräuchtest du eigentlich mehr Bankzeit als Eiszeit?

 

Stefan Tillert: Nein, gar nicht. Im Gegenteil. Ich muss ganz ehrlich sagen, die Sache mit dem Co-Trainer dieses Jahr war so ein kleiner Schnellschuss. Ich wurde gefragt und habe es dann natürlich gemacht aber wenn man ganz ehrlich ist – du bist entweder Trainer oder Spieler. Beides geht gar nicht und das weiß auch jeder Eishockeyspieler. Darüber können wir eventuell in der Regionalliga reden, nicht mal dort mehr, nein. Entweder konzentrierst du dich auf das Eine oder auf das Andere.

 

 

 

Eishockey-Online: Ich persönlich würde es begrüßen, wenn wir dich häufiger auf den Pressekonferenzen sehen würden. Du redest immer so schön Klartext.

 

Stefan Tillert (lachend): Ich glaube, genau das ist der Grund, warum die mich nicht mehr mitnehmen.

 

 

 

Eishockey-Online: Stefan, vielen Dank für deine Zeit und die ehrlichen Worte.

 

Stefan Tillert: Nein, Ich habe zu danken. Bis zum nächsten mal.

 

 

 

Fotos & Text: Karsten Freese, Interview: Manuela Freese





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